Die Idee, Horrorfilmfiguren oder -wesensarten unterschiedlicher Herkunft in einem Film zum Duell antreten zu lassen, ist zwar so neu nicht, feiert aber gerade im Moment angesichts von "Freddy vs. Jason" und "Alien vs. Predator" fröhliche Urständ. Schon Japans Gummimonster-Regisseure Inoshiro Honda und Jun Fukuda ließen vor dreißig Jahren ihren Liebling Godzilla gegen alle möglichen Mitbewerber im Städtezertrampeln antreten, und auch das klassische westliche Horrorkino kennt das Aufeinandertreffen verschiedener Spezies, wenngleich das Ergebnis solch gattungsübergreifender Crossover zumeist eher komisch denn gruselig ausfiel - man erinnere sich nur an die häufigen Begegnungen von Dracula und Frankenstein, zum Beispiel in Jess Francos abgrundtief alberner "Nacht der offenen Särge". Und so gänzlich fremd sind sich Vampire und Werwolfe als die zwei miteinander im Clinch liegenden Spezies von "Underworld" ohnehin nicht, haben doch beide ihre Wurzeln im westlichen Horrorkino fest verankert. Gegenüber den überwiegend mondänen, weltgewandten Vampiren, die im Kino spätestens seit Francis Ford Coppolas "Dracula" eine fulminante Renaissance erleben, nahmen sich die Werwölfe immer schon ein wenig unterprivilegiert aus. Abgesehen von einigen markanten Filmen wie John Landis' amerikanischem Werwolf oder Mike Nichols "Wolf" spielten die Wolfsmenschen im Kino in Sachen Popularität hinter den Blutsaugern stets die zweite Geige. In genau diese Position bringt sie auch der Plot von "Underworld": Als ehemalige unterprivilegierte Sklavenwesen der Vampire liegen die Werwölfe mit ihren einstigen Herren und Meistern seit Jahrhunderten in einem gnadenlosen Krieg.
Während der Name des Arkadierkönigs später von der Psychiatrie für die Lycotrophie - eine bestimmte Form der psychischen Erkrankung - verwendet wurde, findet er sich interessanterweise in "Underworld" in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder: Lycaner heißen bei Len Wiseman die Werwölfe, die in einem seit Jahrhunderten andauernden Vernichtungskrieg durch die Vampire an den Rand der Ausrottung getrieben wurden. In "Underworld" herrscht in jeglicher Hinsicht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Vampire bilden im düster-blauen Alptraum-Universum des Len Wiseman eine ähnlich aristokratische und elitäre, teilweise aber auch dekadente, moralisch verkommene Geheimgesellschaft wie beispielsweise in "Blade", und genauso wie in Steven Norringtons vampirischem Husarenstück gibt es hier Blutsauger reinrassigen Geblüts und solche, die es erst durch einen Biss wurden. Hier herrschen Tradition, Diplomatie und Stil sowie das Bemühen, die Jahrtausende alte Assimilation an die Gesellschaft der Menschen aufrechtzuerhalten, ohne viel Aufsehen zu erregen. Vampire haben sich den Gegebenheiten der Zivilisation angepasst und leben größtenteils unerkannt zwischen den knapp sechs Milliarden Exemplaren der Gattung Homo Sapiens. Während diese jedoch in "Blade" noch als Hauptnahrungsquelle für die Blutsauger zu fungieren hatten, haben die Vampire in "Underworld" mit der Produktion von künstlichem Blutplasma nicht nur ihr Nahrungsproblem auf technische Weise gelöst, sondern gleichzeitig auch ihre ökonomische Existenz im Wirtschaftskreislauf des 21. Jahrhundert etabliert. Vampire nutzen Handys, Laptops und kämpfen wie SWAT-Teams mit großkalibrigen, futuristischen Schusswaffen, die zwar aussehen wie gewöhnliche Automatic-Pistolen, aber die Feuerkraft und die Schussfrequenz modernster Maschinengewehre besitzen, was allein schon den Shootouts des Films einen unwirklichen, surrealen Effekt verleiht.
Ein Rassenkonflikt zwischen Monstern verschiedener Gattung, ein geheimnisumwitterter Vampirorden und ein menschliches Hybridwesen, dem nach einer verrätselten Prophezeiung eine immense Bedeutung zukommt - die Parallelen zu den beiden "Blade"-Filmen sind zu augenfällig, um noch unter dem Etikett "zufällig" durchgehen zu können. Konkret nimmt sich die Handlung von "Underworld", insbesondere die Kabale um den von Billy Nighy wunderbar souverän verkörperten Vampirfürsten Viktor und seine dunkle Vergangenheit, phasenweise wie eine Eins-zu-eins-Kopie von "Blade 2" aus. Im Gegensatz zu Guillermo Del Toros völlig missratenem Daywalker-Sequel kommt Len Wisemans Film zwar mit einem noch dünneren Handlungsskelett, dafür aber mit erfreulich weniger inhaltlichen Ärgernissen und Ungereimtheiten daher. Um sich große Gedanken über Logik zu machen, ist ohnehin viel zu wenig Story vorhanden, obwohl sogar der (kleine) Plot-Twist am Schluss der gleiche ist wie in "Blade 2". Auch die Waffentechnik könnte direkt bei "Blade" importiert worden sein: So schießen die Werwölfe auf die Vampire mit Projektilen, die ultraviolettes Licht ausstrahlen, gegen das die Blutsauger bekanntermaßen hochgradig empfindlich sind, diese revanchieren sich mit Patronen voller flüssigem Silbernitrat. Dem Blutsauger-Mythos wird wie in "Blade" eine Drogen- und Sexparabel abgewonnen, wenn der Vampirismus als Virusinfektion erklärt wird und an Michael in sinistren Laboren genetische Experimente vorgenommen werden.
Die Britin Kate Beckinsale bildet den attraktiven Mittelpunkt des dynamischen Geschehens. Als Vampirin Selene, die in lasziv hautenger Latex- und Lederkluft und bewaffnet mit zwei großkalibrigen Kanonen Jagd auf die verhassten Lycaner macht, die einst ihre Familie ermordeten, stellt sie die idealtypische weibliche Variante all jener schwarz gewandeter Rächer der Nacht von Batman bis zu Blade dar, die seit einem traumatisierenden Verlust die dafür Verantwortlichen zur Strecke bringen. Die Britin, die vor allem durch ihre weibliche Hauptrolle in Michael Bays dümmlichem Weltkriegsgeballer "Pearl Harbor" bekannt wurde, überzeugt auf ganzer Linie als bildschöner, eisiger Todesengel, die bar jeglicher Emotion die Nacht durchstreift und auf Dachfirsten lauert, um ihre Gegner zur Strecke zu bringen. Mit einer Romeo-und-Julia-Geschichte hat ihr Verhältnis mit dem von den Lycanern gejagten Michael nicht das Geringste zu tun: Selene ist für den schwächlichen, verletzbaren Menschen vielmehr eine Schutzpatronin, ein dunkler Engel in wehender Lederkutte und mit nachtschwarzen Haaren, so wie sie gleichsam Todesengel für ihre Feinde ist.
So wie Gefühle oder Emotionen spielen Menschen überhaupt in Len Wisemans Vampirwelt überhaupt keine Rolle, nicht einmal am Rand und auch nicht als Statisten oder Kanonenfutter. "Warum sollten Werwölfe einem Menschen folgen?" fragt Clan-Chef Kraven (Shane Brolly) Selene in einer Szene, so als wollte er fragen, warum sich wohl jemand mit Chihuahua-Hunden beschäftigt.
Zugegeben, Len Wisemans Werwolf-Fantasmagorie hat keinen sonderlich innovativen Plot, entbehrt geschliffener Charakterstudien und strebt kaum nach philosophischer Erkenntnis denn nach einer Fortsetzung der Geschichte, wie das Ende des Films ein wenig aufdringlich nahe legt. Dennoch ist es unterhaltsam, wenn sich ein ehemaliger Werbefilmer visuell derart konsequent auf der Spielwiese populärer Trivialmythen austobt. |
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.