Die Demaskierung des Bösen hinter der Fassade der (fast) heilen Welt der amerikanischen Familie ist als Motiv derartig ausgereizt, angefangen von Hitchcock über "Stepfather" bis zum "Glass House", dass es nun wirklich einiger origineller Regie- und Drehbucheinfälle bedurft hätte, um dem Sujet noch ein wenig unterhaltsame Aspekte abzuringen. Satt dessen entwarfen Regisseur Harold Becker, dem noch 1989 mit Al Pacino und Ellen Barkin der stimmungsvolle Thriller "Sea of love" gelang, und seine Drehbuchautoren Lewis Colick und Gary Drucker ein Plotkonstrukt, das außer abgestandenen Klischees aus der Mottenkiste des Thrillerkinos und einer wirklich kaum mehr als bieder zu nennenden Inszenierung wirklich nichts zu bieten hat.
Natürlich ist es der Bengel, der alsbald den wahren geistig-moralischen Background seines Stiefvaters durchschaut, natürlich glaubt ihm das der leibliche Erzeuger sofort, die übrigen knapp sechs Milliarden Angehörigen der Menschheit einschließlich der örtlichen Polizei dagegen nicht, natürlich ist jetzt das Leben des Sprösslings und seiner Mama bedroht, und natürlich muß der mit sorgenvoller Mine bootsbauende und Boote bepinselnde Papa - von der Polizei im Stich gelassen - auf eigene Faust die Wahrheit aufdecken sowie Sohn, Ex-Frau und Rest-Menschheit vor Vince Vaughn und seinem fiesem Gesichtsausdruck retten.
Dabei sind die Ansatzpunkte mehr als offenkundig: Wie ambivalent hätte man eine Figur wie den angeblichen Lebe- und Geschäftsmann Rick Barnes anlegen können, um wie vieles spannender hätte die Handlung ausfallen können, hätte man den Zuschauer eine Zeit lang über die wahren Verhältnisse im Unklaren gelassen. Um wie vieles größer hätte man Travoltas Verzweiflung, seinen Absturz während seines zunächst völlig vergeblichen Anrennens gegen die Windmühlenflügel des Rick Barnes ausgestalten und dadurch auch diesen Charakter ins Zwielicht rücken können. Aber nein, Harold Becker betreibt statt dessen mit seiner Figurenkonstellation Schwarz-Weiß-Malerei auf dem Niveau eines großen Sat1-TV-Romans. Die Fronten zwischen dem väterlich-fürsorglichen Gutmenschen Travolta und dem als mondänen Businessman auftretenden, aber für den Zuschauer sofort als solcher erkennbaren Oberschurken Vaughn (wir wussten doch schon immer: Geschäftsleute sind doch alles Verbrecher!) sind von Anfang genauso geklärt wie der gesamte Handlungsverlauf inklusive des lahmen Showdowns vorhersehbar ist. Selbst hier wagt sich Becker nicht hinter den Scheuklappen der selbstgesteckten Film-Netiquette hervor und inszeniert das Finale so aseptisch blut- und spannungsarm wie eine bundesdeutsche TV-Vorabendserie.
"Grundsolide" findet man häufig als höfliche Beschreibung solcher Thrillerware. "Tödliches Vertrauen" ist von grundsolider Langeweile. |
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.