John Travolta hat seit Anfang der 90er Jahre ein bewegtes Auf- und Ab
seiner Karriere erlebt. Der ehemalige "Saturday Night Fever"-Star schien
Anfang der 90er längst abgetreten, als ihn die Rolle des schmierigen
Hitmans Vince Vega in Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" 1993 schlagartig
ins Rampenlicht zurückholte. "Get Shorty", "Broken Arrow" und vor allem
John Woos grandioser "Face/Off" untermauerten seinen neuen
Superstarstatus. Doch dann stellte der bekennende Scientology-Anhänger
und -Funktionsträger mit der unglaublich schrottigen Hubbard-Verfilmung
"Battlefield Earth" sein gesamtes neues Renommee mit einem Schlag wieder
zur Disposition, und auch die seichte Komödie "Lucky Numbers" konnte den
Rückschlag so schnell nichts mehr wettmachen. Mit dem explosiven
Action-Thriller "Password Swordfish" scheint der Veteran der Disco-Ära
wieder auf dem Weg zurück zu gewohnter darstellerischer Souveränität zu
sein. Der von "Nur 60 Sekunden"-Regisseur Dominic Sena gedrehte und
Krawall-Spezialist Joel Silver produzierte Streifen lässt einen im
Rififi-Stil geplanten Hightech-Bankraub in einen hochdramatischen
Showdown münden.
Travolta darf als Top-Terrorist Gabriel Shear mit pechschwarzer
Pulp-Fiction-Frisur einen ähnlichen Spagat zwischen arrogant-cooler
Großspurigkeit, eiskalter Zielstrebigkeit und menschenverachtender
Soziopathie einnehmen wie als Atombombenjongleur Vic Deakins in "Broken
Arrow". Ähnlich wie im John-Woo-Film von 1996 ist sein Charakter der
eines ständig Winkel und Haken schlagenden Organisationsgenies, dessen
Maske der Unerschütterlichkeit selbst angesichts katastrophalsten
Scheiterns einiger Teilpläne nur in den seltensten Fällen Risse bekommt
und viele Szenen allein als Inkarnation des personifizierten Bösen
trägt.
Darstellerisch liegt "Password Swordfish" deutlich über dem Level
gewohnter Mainstream-Actionkost: John Travolta als Chef-Terrorist, Hugh
Jackman als Weltklasse-Hacker und die von Film zu Film attraktivere
Halle Berry geben ein reizvoll komponiertes Darsteller-Triumvirat ab,
wobei der "Pulp Fiction"-Star als "Larger than Life"-Gangster mit der
Lizenz zum Massenmord sämtlichen Kollegen die Schau stielt.
Aussie-Export Hugh Jackman, der seine Karriere als messerbewehrter
Mutant Wolverine in "X-Men" begann, gibt trotz krimineller Energie in
EDV-Fragen die moralische Instanz des Films, während Halle Barry als
betörendes Gangsterliebchen ein undurchschaubares Spiel treibt.
Viele eigene Ideen hat der Film nicht zu bieten, stattdessen offenbart
sich "Password Swordfish" als Sampler der jüngeren Action- und
Thrillergeschichte. Der allgemein im Caper-Movie-Milieu angesiedelte
Plot mixt sich seinen Thriller-Cocktail aus etwas Hightech-Raubüberfall
à la "Mission Impossible", Hacker-Krimi à la "Sneakers" und Geiseldrama
à la "Speed". John Travolta wird als Superterrorist Gabriel zu Beginn
des Films als ähnlich unbesiegbarer und schattenhafter Dämon
mystifiziert wie Keyser Soze in "Die üblichen Verdächtigen", und das
Motiv des von schwerbewaffneten Hijackern besetzten und draußen von
einer Übermacht aus Polizei und Militär belagerten Gebäudes kennen wir
spätestens seit "Stirb langsam".
In der bizarren Anfangsszene liefert Travolta ganz Pulp-Fiction-like
einen minutenlangen Monolog direkt in die Kamera über drittklassige
Hollywood-Drehbücher und speziell Sidney Lumets "Hundstage", mit dem
Dominic Sena das Motiv der in der Bank von Polizei und Militär
umzingelten Geiselgangster gemein hat. Der anschließende Big Bang, bei
dem eine Geisel und zahlreiche Militärs durch unüberlegtes Handeln eines
befehlshabenden Polizisten zu Tode kommen, wurde in "Matrix"-Zeitlupe
von einer sich im Winkel von 360 Grad um den Ort des Geschehens
kreisenden Kamera optisch brilliant eingefangen wurde.
Diese Explosion stellt eindeutig den Klimax der spektakulären
Action-Sequenzen dar, auch wenn Dominic Sena anschließend mit einem Bus
voller Geiseln und einem Hubschrauber zugleich "Speed" und "True Lies"
Konkurrenz zu machen versucht. Damit wird jedoch auch eine markante
Unausgewogenheit deutlich: Indem die ursprüngliche Hightech-Caper-Story
nicht konsequent zu Ende geführt wird, sondern sich zur reinen - wenn
auch hervorstechend bebilderten - Bruckheimer-typischen
Destruktionsorgie wandelt, können zahlreiche Erwartungen, die der Film
zu Anfang weckt, nicht mehr erfüllt werden. Mit der Auflösung einiger
clever konstruierten Rätsel zeigt sich "Password Swordfish" hingegen auf
der Höhe der Zeit, da er -ganz der tatsächlichen zeitgeschichtlichen
Situation seit Ende des kalten Krieges entsprechend - Feindbilder
wackeln und zum Teil ins Gegenteil verkehren lässt. Machtkämpfe
amerikanischer Geheimdienste und Tarnorganisationen verrätselt und
entschlüsselt Dominic Sena dabei nach allen Regeln routinierter
Spannungsdramaturgie. Freilich sind Theorie und Technik der Chiffrierung
und des Hackens im Film nicht zu erklären. So mystifiziert "Password
Swordfish" manchmal die Computer und das Internet zu allmächtigen
Monstern. So gewinnt das Hacken und Knacken bisweilen Attraktion und
Abenteuerglanz. Doch meist unterhält der Film "Password Swordfish"
ebenso schlüssig wie suggestiv.
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