Nun fiel ausgerechnet Sam Raimi, dem einstmals für "Evil Dead" gefeierten Splatter-Visionär, die Aufgabe zu, Spider-Man, dem zweifellos beliebtesten unter den gezeichneten amerikanischen Superhelden, zu seinem ersten wirklich großen Zelluloidauftritt zu verhelfen (zuvor war der Comic-Held bereits Ende der 70er Jahre in einer für das amerikanische Fernsehen gedrehten Serie zu sehen). Eine Mammutaufgabe mit einer im Falle des Scheiterns enorm hohen Fallhöhe, bedenkt man die ungeheure und ungebrochene Popularität, die der Spinnenmann in den Vereinigten Staaten genießt, und die Raimi vor allem durch sein glänzend aufgelegtes Darstellerensemble mit Bravour absolvierte. Wenige Comichelden dürften wie Spider-Man einen so hohen Sympathiebonus und zugleich in den Vereinigten Staaten einen Status besitzen, der beinahe dem eines Nationalheiligtums gleichkommt. Auf 25.000 Dollar schätzen Sammler den Wert der "Amazing-Fantasy"-Ausgabe Nr. 15 von 1962, in der Spider-Man seinen ersten Auftritt hatte, auf immerhin 18.000 Dollar die Ausgabe "Amazing Spider-Man" Nr. 1 von 1963. Die Popularität dürfte vor allem in der Menschlichkeit der Figur begründet liegen, die sich hinter dem Spinnenmannkostüm verbirgt: Spider-Mans Alter Ego Peter Parker ist kein Außerirdischer vom Planeten Krypton und kein finsterer, schizoider, die Gespenster der Vergangenheit jagender Rächer im Fledermauskostüm, sondern bietet als stinkgewöhnlicher Heranwachsender mit allen generationstypischen Problemen mehr Identifikationsfläche als alle anderen Marvel-Helden. Dieser Superheld spielt im realen Leben nicht den schüchternen, etwas linkischen jugendlichen Journalisten, den sein Kollege Clarke Kent zu sein vorgibt, er ist es wirklich. Peter Parker, der durch einen Spinnenbiss übernatürliche Kräfte erlangt und auf einmal mit all den spätpubertären Unzulänglichkeiten eines schmächtigen, introvertierten Heranwachsenden im Handstreich aufräumt, ist damit das perfekte Umkehrbild so vieler jugendlicher Ohnmachtsgefühle.
Parallel zu Parkers Familie führen Raimi und sein Drehbuchautor David Koepp als diametralen Gegenentwurf die Familie Osborn ein, mit der Peter Parkers Leben gleich in mehrfacher Hinsicht schicksalhaft verbunden wird. Willem Dafoe glänzt in der Rolle des mondänen Großindustriellen Norman Osborn, den ein fehlgeschlagenes Experiment seine dunklen Seiten hervorkehren lässt, um in bester Jeckyll-and-Hyde-Manier zum Green Goblin, dem großen Gegenspieler des Spider-Man, zu avancieren. Eine Ebene darunter, auf der von Peters ziviler Existenz eines Highschool-Absolventen mit einer Anstellung als Fotograf bei einer großen Tageszeitung, rivalisiert der adoleszente Superheld (in Vertretung des Proletariats) mit dem schwerreichen Osborn-Junior Harry, der zugleich sein bester Freund ist, um die Gunst bereits erwähnter Nachbarstochter Mary Jane. Charaktermime Dafoe wird durch David Koepps Drehbuch glücklicherweise in die Lage versetzt, seinen Norman Osborn weder als eindimensionalen Klischee-Schurken noch als ironisch verzerrten und damit seiner Bedrohlichkeit weitgehend beraubten Widerpart anzulegen, sondern die Figur des Green Goblin sowie dessen menschliches Alter Ego zu einem ebenso schillernden wie tragischen Kontrahenten zu entwickeln, was beinahe die Brillianz eines "Joker" Jack Nicholson erreicht und dessen schicksalhafte Note von Raimi mit einem satten Schuss "Fight Club" untermauert wird. Bemerkenswert ist auch, dass es sogar einem Newcomer wie James Franco gelingt, der vergleichsweise farblos angelegten Figur des Harry Osborn noch charakterliche Tiefe abzugewinnen. In Nebenrollen darf J.K. Simmons als Chefredakteur und Parkers Arbeitgeber eine beißende Gordon-Gekko-Parodie abgeben und Raimi-Regular Bruce Campbell mit ekliger Elvis-Tolle ausnahmsweise keine Zombies sondern die Gladiatoren eines Wrestling-Turnieres herumkommandieren.
Den Wendepunkt zum Dramatischen findet das Geschehen mit dem Tod des geliebten Onkel Ben, was raffinierterweise mit einem narrativen Kniff ausgestattet wird, so dass der Verlust für Peter nicht nur das Ende der Kindheit sondern auch das Ende der Unschuld markiert. Spider-Mans späteres Eintreten für Gerechtigkeit und gegen das Verbrechen wird damit ein Stück weit als Suche Peters nach Sühne und Erlösung von dem Selbstvorwurf, den Tod des Onkels nicht verhindert zu haben, erklärt, auch wenn ihm dessen Worte die Superheldentätigkeit allein als Verpflichtung auf Grund seiner Fähigkeiten aufoktroyieren wollen: "With great power comes great responsebility." Das Aufeinandertreffen von Spider-Man und dem Green Goblin stilisieren Raimi und Koepp als schicksalhafte Konfrontation, der gleichsam Tragik wie Unausweichlichkeit anhaften: Verbindet doch die beiden, die sich in ihren Maskeraden bis aufs Blut bekämpfen, in ihrem zivilen Leben ein inniges familiäres Verhältnis.
Gegenüber dem ansonsten stimmigen Ganzen wirkt dann das Ende leider wenig konkludent: Zu aufgesetzt, zu konstruiert erscheint der Ausgang der Geschehnisse, zu augenscheinlich das Bemühen von Drehbuchautor Koepp, dem Helden ein echtes, vollwertiges Happy-End zu versagen und damit bereits die Exposition zu schaffen für die folgenden Abenteuer des Spinnenmannes. Daß die auf die Leinwand kommen werden, steht außer Frage: Bereits jetzt haben Sam Raimi und Tobey Maguire für "Spider-Man II" unterschrieben. |
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.