Dass urbane amerikanische Schauermärchen die schlimmsten Alpträume hinter der knarrenden Tür von Kinderzimmer-Wandschränken plazieren, wissen wir spätestens seit Stephen Kings grausiger Kurzgeschichte "Das Schreckgespenst". Auf recht bissige Weise nahm Bob Dahlin 1986 mit "Monster in the closet" ("Überfall im Wandschrank") das Motiv vom Unhold zwischen Jacketts und gebügelten Oberhemden als Parodie des 50er und 60er-Jahre-Science-Fiction-Monster-Trash aufs Korn. Dass die Ungeheuer jenseits des Kinderzimmerhorizonts auch einfach nur nett sein können, das bewies bereits Maurice Sendak mit seinem wunderschönen Bilderbuch "Wo die wilden Kerle hausen" (wobei Sendaks Ungetüme nicht aus dem Wandschrank kamen, vielmehr reiste der Held des Buches Max von seinem Kinderzimmer aus per Schiff zu ihnen). Und genau dorthin, wo diese wilden Kerle hausen, entführt uns auch Pixars "Monster AG" in einem filmischen Gute-Laune-Feuerwerk von im wahrsten Sinne des Wortes monströsen Ausmaßen. Gegenüber Sendaks überwiegend naturbelassener, bewaldeter Traumwelt bieten uns die fabelhaft aufgelegten Pixar-Tricktechniker unter Leitung von "Toy Story"-Autor Peter Docter ein hochzivilisiertes, urbanes Paralleluniversum, in der die schuppigen, bepelzten, gehörnten, mehrköpfigen und vielbeinigen Bewohner zur Arbeit gehen, mit dem Auto fahren, sich gegenseitig in der Firma anmobben, aus Versehen durch Gullys flutschen oder zu einem Rendezvous verabreden. "Don't stalk" steht auf den Ampeln in Monstropolis, und abends kehrt man bei "Harryhausen" ein, eine Anspielung auf den großen Meister der Stop-Motion-Tricktechnik.
Ausgerechnet ihm, dem Champion aller Kindererschrecker, unterläuft der folgenschwere Fehler, ein Menschenkind in die Monsterwelt einzuschleppen und damit eine Wesensart, die in Monstropolis als ungefähr so angenehm eingeschätzt wird wie eine Wolke Beulenpesterreger. Um nicht sofort von den SWAT-Kommandos der Child Detection Agency dekontaminiert und in Quarantäne gesteckt zu werden, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das permanent brabbelnde und vor den Eingeborenen der Monsterwelt so gar keinen Respekt zeigende Mädchen Boo mit nach Hause zu nehmen. Und damit ist eine ganze Kaskade verrückt-chaotischer Ereignisse vorprogrammiert.
Pixars "Monster AG" ist kein vielschichtiges, satirisches Adult-Vergnügen wie der Konkurrenz-Held "Shrek", sondern wesentlich harmloser gestrickter, aber dafür keinesfalls weniger witziger Filmspaß. Da wird nicht mit explodierten Vögeln, aufgeblasenen Fröschen und gefolterten Weihnachtskeksen einem ehemaligen Arbeitgeber in den honiggesüßten Griesbrei gespuckt. Monster-Widerling Randall, im Original gesprochen von Steve Buscemi, der sich bei Bedarf unsichtbar machen kann und das "Alien"-Kind Boo für obskure wissenschaftliche Zwecke missbrauchen will (Akte X lässt grüßen), spielt ein bisschen auf Paul Verhoevens "Hollow Man" an, ansonsten sind die parodistischen Seitenhiebe eher auf das Real-Life gemünzt als auf andere Filmwerke. Zum Schreien komisch sind wie immer die mit Cameos und Persiflagen gepflasterten Outtakes, die seit "Toy Story" zum Abspann eines jeden Pixar-Films gehören.
"Die Monster AG" ist ebenso liebenswertes wie phantastisches Trickspektakel voller turbulenter Action, vergnüglicher Slapstick-Einlagen und launiger Dialoge, eine kongruente Fortsetzung des klassischen Puppentheaters mit Mitteln der modernen CGI-Technik. Die setzt dabei wieder einmal Maßstäbe und legt die Messlatte für das kommende Filmprojekt "Route 66" der Konkurrenz Dreamworks wiederum eine glatte Etage höher an. Monster, die kann man einfach nur knuddeln - diese Botschaft ist nun wahrlich nicht neu, aber doch jedes Mal genauso warmherzig wie befreiend. Entführt sie uns doch auf märchenhafte Weise zurück in von den Wirrnissen des Erwachsenendaseins unbelastete Kindertage, in denen Monster noch Krümel und Grobi hießen und ständig "Kekse" brüllten. |
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.