Und dieses 30 Jahre jüngere Alter Ego der Hauptfigur ist ein Mann für's Grobe, eine blonde Bestie. Paul Bettany liefert als junger "Gangster" das verstörende Psychogramm eines komplett schizoiden Gewaltmenschen: Mit stoischer Ruhe, die bisweilen nahe an Katatonie heranreicht, vermag er alle Emotionen zu unterdrücken, um dann wie ein entfesselter Alptraum über seine Opfer herzufallen und in einem grotesken Blutrausch zu explodieren (was die Kamera besonders schmerzhaft aus der Perspektive der Opfer einfängt). Was ihn treibt, ist kein Gehorsam, sondern blinde Machtgier: Mit der Blutrünstigkeit eines Mithridates putscht sich "Gangster" zum Gewaltherrscher in der Londoner Unterwelt empor, wobei Gegner und Weggefährten gleichermaßen eiskalt aus dem Weg geräumt werden. Und dennoch erreicht der Emporkömmling nicht die Klasse des von ihm vergötterten Mays: "Was hast du, was ich nicht habe?" fragt "Gangster" verzweifelt, als sich beide nach 30 Jahren wiedersehen. Das junge Ich des namenlosen Erzählers erinnert in Mimik und Habitus deutlich an den 1970 von Michael Caine gespielten Killer in Mike Hodges Britkult-Klassiker "Get Carter". Die Gespaltenheit des jungen Gangsters unterstreicht der Film durch Split-Screens und reflektierende Oberflächen. Die Geschichte des Alten wird als Hommage an den frühen amerikanischen Gangsterfilm von einem dunklen Voice-Over aus dem Off berichtet und verleiht so der gealterten, müden Killermaschine einen Hauch von Menschlichkeit.
Im kleineren Maßstab ist es auch die gleiche Geschichte, die Sergio Leone in "Spiel mir das Lied vom Tod" und "Es war einmal in Amerika" in epischer Form ausbreitete: Das Motiv der beiden ungleichen Partner, deren Lebenslinien sich durch eine schicksalhafte Begegnung ineinander verklammern und die sich nach jahrzehntelanger Trennung wiedersehen. Doch während Charles Bronson im finalen Duell gegen Henry Fonda die Tilgung der Schuld und die Erlösung von den Harpyien der Vergangenheit findet, geht es "Gangster" Malcolm McDowell so wie James Woods in "Es war einmal in Amerika": Weder kommt es zur Wiedervereinigung mit dem einstigen Weggefährten noch zur endgültigen, entscheidenden Abrechnung. Das Duell, auf das "Gangster" gewartet hat, findet nicht statt, und die von Schuldgefühlen zermarterte Seele verfällt nach der Offenbarung dieser Lebenslüge, der Erkenntnis, dass man all die Jahre vergeblich auf den großen Antagonisten gewartet hat, endgültig dem Wahnsinn. |
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.