Crossover sind bis heute in Romanen, Filmen und speziell in TV-Serien und Comics ein beliebter, allerdings auch nicht allzu häufig wirklich gelungener Kunstgriff: Das Aufeinandertreffen zweier ähnlich gearteter Figuren oder Motivkreise unterschiedlicher Autorenschaft vermag zwar bei entsprechend intelligenter Konstellation die eine oder andere wirklich innovative erzählerische oder stilistische Facette durch den Kontrast der verschiedenen Partner hervorzukehren, nicht selten geraten derartige motivübergreifenden Begegnungen jedoch allein zum faden Abspulen der beiderseits gängigen Standardprogramme und Erzählroutinen. Wie grandios der Versuch eines Gipfeltreffens berühmter Literaturgestalten auf der Leinwand scheitern kann, zeigte erst jüngst die Comicverfilmung "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen", in der sich zahlreiche Protagonisten populärer Abenteuer- und Thrillerliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus Anlass der zufällig gerade notwendig gewordenen Rettung der Menschheit zur Zweckgemeinschaft zusammenraufen. Was von der Begegnung der beiden berühmtesten Weltraum-Monster der Filmgeschichte, Alien und Predator, zu erwarten ist, klärt sich im November kommenden Jahres. Mit "Freddy vs. Jason" stehen sich nun zwei wahre Urgesteine des Slasher-Kinos gegenüber. Schon lange war über eine Begegnung des Krallenmannes aus der Elm-Street mit dem Hockeymasken-Schlächter vom Chrystal Lake spekuliert worden, spätestens seit Jasons neuntem Kinoauftritt in "Jason goes to hell", in der man in der Schlusseinstellung für einen kurzen Moment Freddy Kruegers Messerklauen aufblitzen sah, die den scheinbar mal wieder endgültig besiegten Jason ins Fegefeuer zerrten. Doch auch dieser Film liegt mittlerweile zehn Jahre zurück. Nun endlich schlägt unter der Regie von Ronny Yu die Stunde für das erste Rendezvous der beiden altgedienten Alles-Schneider - mit reichlich zwiespältigem und für Fans kaum befriedigendem Ergebnis.
Der Erfolg von Michael Myers, dem bis heute kommerziell erfolgreichsten Serienkiller der Filmgeschichte, zog die Epigonen gleich in Scharen nach sich: Neben abgrundtief primitiven Machwerken wie "The Burning" avancierte vor allem Sean S. Cunninghams schundige "Friday the 13th"-Serie zu schmuddelig-kultigen Blut-Ehren. 1980 schickte Cunningham seinen Hockeymasken-Killer zum ersten Mal auf fröhliche Teenie-Hatz, wobei - wie so oft in derartigen Filmchen dieser Ära - spätere prominente Hollywooddarsteller wie der damals gerade einmal 22jährige Kevin Bacon auf möglichst magenumstülpender Weise das Zeitliche zu segnen hatten. Natürlich wissen wir alle spätestens seit "Scream", dass sich hinter den Morden des ersten "Friday" in Wahrheit nicht der später so berühmte Jason selbst, sondern ein reichlich primitiver Whodoneit-Krimi-Plot verbarg, und dass der echte Masken-Schrat erst ab dem zweiten Teil der Serie selbst zu Machete, Axt und Schürhaken griff. Nichtsdestotrotz wurde der im Chrystal Lake ertrunkene, aber seitdem dummerweise unsterbliche Jason Vorhees zu einem der meistbeschäftigtesten Fließbandhäcksler der Filmgeschichte, der es bis 1989 unter dem Franchise "Friday the 13th" auf insgesamt acht mehr oder weniger immer gleich stupide filmische Metzelorgien brachte. Seine letzten beiden Auferstehungen "Jason goes to hell" (1993) und "Jason X" trugen dann konsequenterweise den "Freitag" des Originals nicht mehr im Titel.
Im Gegensatz zu den schweigenden, mechanischen Mordmaschinen Michael Myers und Jason Vorhees erwies sich Freddy von Anfang an als zynischer Teufelsbraten, den seine markigen Oneliner spätestens seit seinem dritten Auftritt als popkulturelle Ikone des Horrorfilms etablierten und zum glamourösen Showstar unter den Massenmördern avancieren ließen und der mit so viel makaberem Witz und blutiger Phantasie den schlummernd dahinscheidenden Teenagern an die Innereien ging, dass man als Publikum viel lieber dem kultisch verehrten Bösewicht applaudierte, als mit den Opfern mitzubangen. Doch genau wie im Falle Jasons ging auch Freddys Ära mit dem Ende der 80er Jahre zur Neige. Lange lag das Subgenre brach, bis es ausgerechnet von Freddy-Schöpfer Wes Craven anno 1996 mit "Scream", dieser ebenso scharfsinnigen wie parodistischen Analyse der eigenen Genre-Regeln, fulminant wiederbelebt wurde.
Regisseur Ronny Yu, der sich in seiner Hongkong-Vergangenheit fast nur im Actionfach betätigte und außer dem schalen Mörderpuppen-Sequel "Bride of Chucky" im Bereich Horror noch nichts Nennenswertes zu Wege brachte, vergab von Vorneherein nicht ein Quentchen auf eine halbwegs zusammenhängende und schlüssige Story. Dem einstmals gefeierten Horror-Star Freddy Krueger ist es im Film so ergangen wie in der Realität auch: Die Teenager der Elm-Street haben ihn längst vergessen und schlafen seit Jahren wieder glücklich und sicher. Dem frustriert in der Hölle vor sich hinmonologisierenden Krallen-Clown fällt darauf nichts Besseres ein, als den ebenfalls in den Tiefen des Fegefeuers schnarchenden Jason Vorhees zu erwecken und ihn vom Chrystal Lake in die Elm-Street zu schicken, um dort vorübergehend seinen Job zu übernehmen. Eigentlich, so die Intention des midlife-kriselnden Freddy, soll Jason nur ein klein wenig Angst und Schrecken verbreiten, um damit dem messerklingenbewehrten König des gestreiften Rollkragenpullis den Weg zum Comeback zu bereiten. Doch wie es so oft auch bei Rockkonzerten mit viel zu guten Vorbands geschieht, die dem Haupt-Act des Abends die Schau stehlen, versieht Chrystal Lakes Macheten-Monolith seine Aufgabe so gründlich, daß Freddy angesichts der sich aufgetürmenden Teenager-Leichenberge darum fürchten muss, überhaupt noch ein paar Eingeweide unter zwanzig abzubekommen. Damit ist die Ausgangssituation für den Kampf der Giganten gelegt: Folgt die erste Hälfte des Films, in der sich Jason reichlich uninspiriert, aber effektiv durch die Reihen der Springwood'schen Jugend metzelt, noch ganz standardkonform den Konventionen des klassischen Teenie-Slashers, so heißt es spätestens beim Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten: Ready to Rumble! In diesem Moment hat sich das Thema Horror für den Film endgültig erledigt: Stattdessen inszeniert Ronny Yu den Zweikampf der Giganten als großes Monster-Happening im Stile der klassischen "King Kong gegen Godzilla"-Filme. Mit einer Riesenportion kindlichster Freude an möglichst viel Destruktion lässt er den Messer-Maniac und den Macheten-Stoiker aufeinander losgehen, wobei die beiden ungleichen Kontrahenten ganz offenkundig zwei völlig wesensfremde Genres zu repräsentieren haben: Während der tumb-blöde, schwerfällige Jason eindeutig als Abbild städtezertrampelnder japanischer Gummisaurier agiert, vertritt der sehr viel agilere Freddy mit ein paar lockeren Kung-Fu-Einlagen die Hongkong-Vergangenheit von Regisseur Ronny Yu.
Und so torkelt "Freddy vs. Jason" leider völlig lust- und orientierungslos zwischen halbgarer Gruselparodie und beinhartem Hardcore-Horror hin und her und gewinnt die reichlich seltenen stimmungsvollen Momente allein aus einigen wehmütigen Erinnerungen an Wes Cravens grandiosen ersten "Nightmare", von dem sich sein untalentierter Hongkong-chinesischer Lehrling jenen ebenso simplen wie schlicht genialen Einfall entlieh, wie man den klingenfingrigen Nachtmahr überwinden kann: Man greife sich den Streifenpullover-Mann einfach im Traum und lasse sich dann wecken, um ihn aus seiner Alptraumwelt der dampfwabernden Heizungskeller in die Realität des 21. Jahrhunderts herüberzuzerren. Keine Spur jedoch von dem feinsinnigen Schrecken und der verstörenden Atmosphäre von Freddys Premiere vor 18 Jahren - wie Fremdkörper wirken die sphärischen, weichgezeichneten Zeitlupen-Szenen mit den seilspringenden kleinen Mädchen, die in "Nightmare" auf so subtil atemabschnürende Weise vom Herannahen des Klingenmannes deuteten.
|
Besucher Nr. seit 05.12.2003
Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.