Es gehört schon ein gewaltiges Maß an Chuzpe dazu, sich im Jahre drei nach der Jahrtausendwende mit einer millionenschweren Großproduktion dieses verstaubten Genres anzunehmen. Rund drei Generationen ist es her, seit ein Errol Flynn in Michael Curtiz' "The Sea Hawk" den romantisch verklärten Piratenkapitän Geoffrey Thorpe verkörperte, und ein glattes halbes Jahrhundert, seit Robert Siodmaks roter Korsar Burt Lancaster sich in "The Crimson Pirate" durch die Takelage schwang. Spätestens seit Ende der 50er Jahre lagen Hollywoods Piratenschiffe in den untersten Drehbuch- und Produktionsschubladen vor Anker, und die beiden Versuche der jüngeren Filmgeschichte, das Genre wieder hochseetauglich zu machen - einmal 1986 mit Roman Polanskis "Pirates" und neun Jahre später mit Renny Harlins Kapital-Flop "Cutthroat Island" - strandeten sang- und klanglos sowohl an der Kritik als auch an den Kinokassen. Doch der Name Jerry Bruckheimer scheint auszureichen, um auch der abgewracktesten Seeräuber-Jolle wieder Wasser unterm Kiel zu verpassen und selbst vom tiefsten Meeresgrund noch filmproduktionermöglichende Golddublonen versunkener Kaperschiffe zu Tage zu holen. Mit einem Budget von über 140 Millionen Dollar und einem wirklichen Dreamteam bei Darstellern und Filmschaffendern machte sich der Blockbuster-Produzent an eine Revitalisierung des seit Jahrzehnten still in den Tiefen des Ozeans vor Hollywood dahinschlummernden Genres.
Zu verdanken ist dieser ebenso unerwartete wie unzweifelhafte Erfolg, der sich in Amerika bereits mit einem rund 240 Millionen Dollar starken Box-Office-Erfolg niederschlug, nicht nur der ungewöhnlichen Zurückhaltung Bruckheimers bei allen künstlerischen Belangen des Films, sondern insbesondere und vor allen anderen dem Regisseur und dem Hauptdarsteller. Gore Verbinski, ehemaliger Gitarrist der Punk-Bands Little Kings und The Daredevils, der seinen bürgerlichen Vornamen Gregor in Gore = geronnenes Blut umbenannte, lieferte nach zwei nicht sonderlich berauschenden Projekten - zum einen dem albernen Kinderfilm "Mäusejagd", zum anderen dem faden Julia-Roberts-Brad-Pitt-Vehikel "The Mexican" -Anfang diesen Jahres mit dem atmosphärisch unerhört dichten "Ringu"-Remake "The Ring" sein filmisches Meisterstück ab. Nach dem grandiosen Schauerstück über ein todbringendes Video beweist er sich nun mit "Pirates of the Caribbean" als genauso versierter Arrangeur von knallbuntem, effektesprühendem und ebenso aufwendig wie liebevoll ausgestatteten Popkorn-Entertainment.
Kongenial ergänzen ihn Legolas-Darsteller Orlando Bloom, der als degengewandter jugendlicher Draufgänger in die Fußstapfen von Douglas Fairbanks tritt, Keira Knightley als bildhübsche und natürlich zu rettende Gouverneurstochter sowie der wunderbare Geoffrey Rush als Schurkenkapitän Barbossa. Angenehmerweise versuchen Regisseur Verbinski und seine Drehbuchautoren nicht einmal annähernd, ihrem Film auch nur einen Hauch von Ernsthaftigkeit zu verleihen oder eine halbwegs ernst gemeinte Geschichte zu erzählen, sondern offerieren ihre Freibeuter-Mär von der ersten, übrigens ungewöhnlich düsteren Szene (die eigentlich einen Schwenk in ein ganz anderes Genre erwarten lassen müsste) als herrlich abgefahrenen, zusammenrecycelten Zitatenschatz des Populärkinos. "Pirates of the Carribean" ahmt seine großen Vorbilder aus den 40er und 50er Jahren nicht nach, sondern feiert die Ikonen des klassischen Freibeuter- und Abenteuer-Movies ebenso in sie vernarrt wie respektlos als Trophäen: Spätestens von der herrlich albernen Szene an, in der Johnny Depp mit scheinbar ungerührter Mine auf dem Segel einer versinkenden Jolle stehend in den Hafen von Port Royal einfährt, ist Party-Kino pur angesagt.
Eine tiefe Verbeugung vollführt die Story vor allem vor zwei literarischen Vorlagen: Zum einen Robert Louis Stevensons "Schatzinsel", dem Archetypus aller Schatz- und Piratengeschichten, und - natürlich - Wilhelm Hauffs wundervoller "Geschichte von dem Gespensterschiff", auf dem eine Horde Verfluchter Nacht für Nacht ihren Mord an einem Derwisch neu erleben muss. Ein solches kreuzt auch in "Pirates of the Caribbean" die Route der Zuschauer und der Gouverneurstochter Elizabeth (Knightley), wobei ihr ein geheimnisvolles, goldenes Medaillon in die Hände fällt. Als das quer durch die Karibik randalierende freibeuterische Rabaukentum Jahre später davon Wind bekommt, überfällt es die Insel, auf der Elizabeth' Vater (Jonathan Pryce spielt als leicht unterbelichteter, aber letztlich gutherziger und liebevoller Papa energisch gegen sein eiskaltes Schurkenimage aus "Tomorrow never dies" an) Gouverneur ist, und lässt dabei nicht nur das Schmuckstück, sondern gleich deren holde Trägerin mitgehen. Das kann allerdings ihren Verehrer, den schmucken Jungschmied Will (Orlando Bloom als glutvoller Anti-Legolas), nicht ruhen lassen. Glück für ihn, dass gerade der vogelfreie Chaoten-Pirat Sparrow (Depp) sowieso vor hat, ein Schiff zu kapern, um sich auf die nasse Fährte der Entführer zu setzen, mit denen er noch eine eigene Rechnung offen hat. Die sind allerdings auf Grund eines aztekischen Fluches zum einen ziemlich mies gelaunt, zu anderen aber auch unsterblich und damit dummerweise gegen alle konventionelle Waffentechnik des 18. Jahrhunderts immun. Was folgt, ist zweieinhalbstündiger, furiosester, rasanter Säbel und Segel-Kintopp mit so hohem Popcorn-Faktor, dass die Reling knattert, sich der Achtersteven biegt und das Bramsegel wackelt. Das optische Highlight bietet dabei zweifellos die nur im Mondlicht als solche erkennbare skelettierte Meute von Piraten-Zombies, bei denen Verbinski & Co. ganz unverblümt bei Sam Raimis "Army of Darkness" freibeutern und im finalen Gefecht gegen die knöchernen Unholde sogar dem guten alten Ray Harryhausen und seinen Stop-Motion-animierten Skeletten huldigt.
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.