In "The recruit" (deutscher Titel "Der Einsatz") stellt Spionage-Spezialist Roger Donaldson ein solches Quasi-Vater-Sohn-Gespann in den Mittelpunkt des Geschehens und lässt vor dem Hintergrund der Welt der Agenten und Spione zwei Schauspielergenerationen zum hochklassigen Darsteller-Duell antreten. Eine wechselvolle Leistungsbilanz hat der 58jährige Australier vorzulegen: 1987 lieferte er mit dem rasanten Verschwörungs-Reißer "No Way Out", einem Remake des Noir-Klassikers "The big clock" mit Ray Milland und Charles Laughton, nicht nur das Sprungbrett zur Weltkarriere für Hauptdarsteller Kevin Costner, sondern ein ebenso meisterhaftes wie wegweisendes Stück Hochspannungs-Kino, das ganz nebenbei zwölf Jahre vor M. Night Shyamalans "The 6th Sense" das Stilmittel des alles ins Gegenteil verkehrenden Plot-Twists am Ende vorwegnahm. Mit oberflächlichen Mainstream-Produktionen hingegen wie dem Tom-Cruise-Vehikel "Cocktail", der seichten Robin-Williams-Komödie "Cadillac Man" oder dem zwiespältigen "Getaway"-Remake verspielte Donaldson viel von seinem Renommee. Erst mit der äußerst ambitionierten Verfilmung der Kubakrise "Thirteen Days" kehrte der Australier anno 2000 zu alter Souveränität zurück. Mit "The recruit" nimmt er sich erneut des Spionage-Genres an, diesmal jedoch nicht auf weltpolitisch bedeutsamem Parkett wie in "No Way Out", wo Skandale um einen russischen Spion und eine tote Ministergeliebte das Weiße Haus erschütterten, oder der ganz realen Bedrohung der gesamten Menschheit durch den atomaren Overkill in "Thirteen Days", sondern auf der Ebene der Subalternen, der Ausbilder und Berufsstarter im Geschäft des Täuschens und Tarnens. "Nothing is what it seems", so lautet das Credo im Alltag der Geheimdienst-Handwerker der Central Intelligence Agency. So geheimnis- und legendenumwittert die US-Auslandsspionage auch sein mag, so unspektakulär fällt die Rekrutierung für Computer-As James Clayton (Colin Farrell) aus: An einer Bar offeriert CIA-Talent-Scout Walter Burke (Al Pacino) dem Harvard-Absolventen, der auf Messen mit einer spektakulären (und natürlich völlig unrealistischen) Software auf sich aufmerksam machte, eine Karriere bis in die höchsten Ränge des amerikanischen Geheimdienstes. Bereits an dieser Stelle trägt Roger Donaldson die Klischees deutlich zu dick auf, wenn er - wie könnte es auch anders sein - den Heißsporn Clayton vor der unvermeidlichen Bar-Kulisse erst dann auf das Angebot Burkes eingehen lässt, als dieser ihm verspricht, die Hintergründe des mysteriösen Todes seines Vaters aufzuklären.
Aber nein, so billig halten es Roger Donaldson und seine Drehbuchautoren Roger Towne, Kurt Wimmer und (uncredited) Oscar-Gewinner Akiva Goldsman ("A beautiful mind") dann glücklicherweise doch nicht. "Nothing is what it seems", bewahrheitet sich erst recht, als Clayton von seinem Entdecker und Mentor Burke für eine CIA-interne Ermittlung undercover reaktiviert und auf seine eigenen Ex-Kollegen angesetzt wird. In diesem Moment nimmt das Verwirrspiel um Finten und falsche Fährten, um Täuschen, Verrat und falsches Spiel mit doppeltem Boden Fahrt auf und erreicht - wenn auch nur stellenweise - die Intensität des geistigen Vorgängers "No Way Out". Auch dort sah sich ein einzelner Gejagter zwischen den Fronten, auf fatale Weise abgeschnitten durch seine Aufgabe und sein Wissen von allen rettenden Ufern des Vertrauen-Könnens, aus dem Zwang der fatalen Situation auf sich allein gestellt und dazu verurteilt, bei keiner einzigen Seite Hilfe erwarten zu können. Deutlich hebt sich der Stil der Inszenierung von dem inhaltlich eng verwandten "Spy Game" ab. Wo Ex-Werbefilmer Tony Scott die Handlung mit visuellen Stilmitteln wie radikalen Schnittwechseln oder regelmäßig eingeblendeten Zeitanzeigen vorantrieb, vertraut Roger Donaldson ganz auf das Charisma und den Star-Appeal seiner beiden Hauptdarsteller. Action findet nur vereinzelt in den Mündungsläufen von Pistolen oder Autoverfolgungsjagden statt, die noch dazu - ganz im Kontrast zum reißerischen Stil Scotts - sehr zurückhaltend inszeniert bleiben - sondern überwiegend zwischen den Augen und den Ohren der Hauptdarsteller.
Darstellerisch spult Pacino die meiste Zeit sein routiniertes Standardrepertoire ab, wobei er zu Beginn genussvoll den charmanten, mephistophischen Verführer durchschimmern lässt, der in seinem Opfer Farrell die Begierde auf bislang nicht gekannte Erfahrungen zu wecken gedenkt: "Do I have to kill anyone?" fragt Clayton den CIA-Talentsucher bei ihrem ersten Aufeinandertreffen. Larmoyante Antwort: "Would you like to?" Erst im Finale läuft der 63jährige Pacino noch einmal kurz zu alt gewohnter darstellerischer Over-the-top-Performance auf, als wolle er das fehlende Engagement der vorangegangenen 80 Filmminuten mit einem Kraftakt wettmachen, was jedoch gegenüber so grandiosen Auftritten wie im filmischen Meilenstein "Heat" oder in "The insider" nur wie ein kurzes Aufflackern wirkt. Ohnehin ist Pacino während des ganzen Films allenfalls Co-Star: Den Fokus des Geschehens und damit die Perspektive des Zuschauers hält Roger Donaldson ausnahmslos auf seinen eigentlichen Star Colin Farrell, der absolut glaubhaft sowohl den jugendlichen Tatendrang des Informatik-Hotshots Clayton als auch die wachsenden Zweifel und die sich zur Verzweiflung ausufernde Paranoia der Hauptfigur zu verkörpern versteht und damit nicht nur gegenüber Pacino einen wirkungsvollen darstellerischen Kontrast setzt, sondern auch seinen bisherigen Rollen eine interessante neue Facette hinzufügt. Als dritte im Bunde weiß sich Bridget Moynahan mit einer sehr ansprechenden Darstellung zu behaupten.
Im Gegensatz zu Tony Scotts "Spy Game", der die CIA als einen restlos inkompetenten Bürokratenmoloch verspottete, geht Donaldson mit der amerikanischen Marke Horch und Guck nicht so hart ins Gericht. Nur ein paar kleine Seitenhiebe kann sich auch der Australier nicht verkneifen: Geheimagenten telefonieren da auch schon einmal von einem öffentlichen Münzfernsprechern, und die Geheimdienstzentrale in Langley trägt bei Donaldson allen Ernstes den klangvollen Titel "George Bush Center of Intelligence" - ein süffisanteres Oxymoron hätte ihm kaum einfallen können! |
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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.