Die dunkle Wahrheit im Hintergrund, die sich beim Erzählen einer
zurückliegenden Ereigniskette erst nach und nach unter einer
trügerischen Hülle hervorschält, gehört zu den beliebtesten
erzählerischen Methoden des Thriller-, Kriminal- und Mysterie-Kinos. Wer
erinnert sich nicht an Kevin Spacey, der in Bryan Singers meisterhaftem
"The usual suspects" den Ermittlern eines Mordfalles die Mär eines
schattenhaften, übermenschlichen Drahtziehers im Hintergrund offerierte,
die dann in der verblüffenden Schlusspointe ihr wahres Gesicht enthüllt.
Genauso verwendete Alan Rudolphs "Mortal thoughts" das Stilmittel von
Flashbacks, in Hilfe derer er die Geschichte vom angekündigten Tod eines
tyrannischen Ehemannes nacherzählt, die von der besten Freundin der
Witwe dem ermittelnden Detective berichtet wird. Auch "Frailty", das
Regie-Debüt des ansonsten nur im Schauspielfach zu findenden Bill
Paxton, setzt dieses Stilmittel im Zusammenhang mit einem auf
Verblüffung getrimmten Plot-Twist am Ende ein, der jedoch der argen
Überstrapazierung dieses Prinzips in den letzten Jahren nur verhalten
überraschend ausfällt.
Eine regnerische Nacht, ein beinahe ausgestorbenes FBI-Gebäude, ein
einsamer Ermittler, der den Jahrzehnte alten Fall eines Serienkillers
bearbeitet - das ist der Stoff, aus dem (filmische) Alpträume erstehen
können. Vergilbte Zeitungsausschnitte lassen den Zuschauer erste,
schemenhafte Eindrücke gewinnen von dem blutigen Treiben eines
Massemörders, der sich selbst den makaberen Namen "God's Hand" gab. Ein
junger, ungepflegt wirkender Mann trifft ein, möchte unter allen
Umständen mit Wesley Doyle (Powers Boothe), dem FBI-Ermittler des "God's
Hand"-Falles sprechen, behauptet steif und fest, den seit Jahrzehnten
gesuchten Mörder zu kennen und sogar sein Bruder zu sein. Der Bericht
des jungen Mannes (Matthew McConaughey), der sich selbst Fenton Meiks
nennt, führt zurück ins beschauliche Texas der 70er Jahre und eröffnet
eine bedrückende Reise in den Wahnsinn.
Die intelligent verschachtelten und montierten Rückblenden kolportieren
die Jugend Fentons, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Adam von
einem herzensguten, aber strenggläubigen Vater aufgezogen wurde, in die
regnerisch-düstere Nacht der Rahmenhandlung. Das Leben der neun und
zwölf Jahre alten Jungen scheint das Idealbild einer unbeschwerten,
schon beinahe idyllischen Kindheit widerzuspiegeln, bis eines Nachts
Vater Meiks von einer scheinbar göttlichen Vision den Auftrag erhält,
als "Gottes rechte Hand" Dämonen in Menschengestalt zu töten und sofort
nichts Besseres zu tun als, als erstens den Befehl unverzüglich in die
Tat umzusetzen und zweitens seine beiden Stammhalter zu zwingen, ihm
dabei zu assistieren.
Bei der Darstellung psychischer Erkrankungen kennt das amerikanische
Kino eigentlich nur zwei Extreme: Entweder mühen sich ein oder mehrere
Charaktermimen mit der Lizenz zum Oscar-Gewinn mit der möglichst
menschlichen und zu Herzen gehenden Interpretation eines Leidens, um zum
Schluss wie in "A beautiful mind" zu wohl temperierten Geigenklängen den
Triumph des menschlichen Willens über das Gebrechen zu zelebrieren. Oder
der Kranke wird - wie im Horrorkino seit "Halloween" üblich - als ins
Groteske verschobenes Zerrbild, als fratzenhaft entstelltes Abbild des
Menschen dargeboten. Umso verstörender wirkt da das intensive, subtile
Spiel von Regisseur und Vater-Darsteller Bill Paxton, das punktgenau das
Erscheinungsbild eines Psychotikers mit wahnhaftem Erleben und
eingeschränkter, aber längst nicht völlig versagender Realitätsprüfung
trifft, eines psychisch Kranken, der völlig unauffällig für seine
Umgebung agiert, seinen Lebensalltag bewältigt, aber wie besessen einer
bestimmten wahnhaften Überzeugung anhängt.
Lehrbuchwürdig, als habe Drehbuchautor Brent Hanley die ICD-10,
Abschnitt F20 und Folgende, auswendig gelernt, setzt das Skript die
stufenweise Erkrankung an einer paranoid-halluzinatorischen Psychose um,
inklusive Wahnvorstellungen, Beziehungs- und Bedeutungswahn - so ist
Vater Meiks überzeugt, in einem schnöden Pokal eine Engelserscheinung
wahrgenommen sowie Handschuhe zum gefahrlosen Berühren der Dämonen von
Gott erhalten zu haben. Regisseur Paxton, der diese Rolle mit einer
intensiven Mischung aus Gottesfurcht, Güte und unerbittlich-gnadenlosem
Sendungsbewusstsein ausfüllt, gelingt es bravourös, diese groteske und
makabere Situation aus der Perspektive des zwölfjährigen Fenton erlebbar
und fühlbar werden zu lassen, der sich in einem grauenhaften
Entscheidungszwang zwischen Skylla und Charybdis wiederfindet. Während
der drei Jahre jüngere Adam (Jeremy Sumpter) in naiv-kindlichem Rausch
die Überzeugung von dem göttlichen Auftrag unreflektiert übernimmt,
erkennt der wesentlich reifere Fenton (Matthew O'Leary mit einer
beeindruckenden Performance jugendlicher Panik) den Irrsinn hinter den
Ideen seines Vaters sehr schnell und steht nun vor einer grausamen Wahl:
Entweder, er hilft bei dem mörderischen Ausmerzen der vermeintlichen
Dämonen, deren bürgerliche Namen der Vater ebenfalls durch göttliche
Wirkung auf einer Liste genannt bekommen hat, und macht sich an den
Bluttaten mitschuldig, oder er verweigert sich und läuft Gefahr, von
seinem Vater ebenfalls zum Feind der göttlichen Sache erklärt zu werden.
Bei den Axtmorden von Vater Meiks liegt die Assoziation zu Stanley
Kubricks "Shining" sicherlich nicht ganz zufällig auf der Hand. Während
Jack Nicholson vor 22 Jahren seinen Jack Torrance im Stadium blanker,
manisch unkontrollierter Raserei mit der Axt auf Sohn und Ehefrau
losgehen ließ, fasziniert an Paxtons Darstellung die scheinbar völlig
ungerührte, aber erbarmungslose, unbeirrbare und kompromisslose
Entschlossenheit, mit der Vater Meiks seinen göttlichen Sendungsauftrag
in die Tat umsetzt.
Die Ausweglosigkeit von Fentons Situation, das Ausgeliefertsein an den
wahnsinnigen Vater und die Verstrickung in die blutigen Axtmorde, deren
Opfer die beiden Jungen auf Befehl an einem mystischen Ort beerdigen
müssen, eröffnet eine verstörende, beeindruckend klaustrophobische
Wirkung. Während die Rahmenhandlung kaum mehr als das biedere
Grusel-Ambiente einer landläufigen "Akte X"-Folge bietet, entfaltet der
Film in den Flashbacks einen stellenweise superben psychologischen
Horror. Wie Bill Paxton den Zuschauer die grausigen Morde erleben lässt,
indem er zum Geräusch des Axthiebs das entsetzte Gesicht Fentons mit den
faszinierten, berauschten Antlitz des drei Jahren jüngeren Adam
kontrastiert, gehört zu den dramatischsten und beklemmendsten Momenten
des Films.
Beim Fortgang der Handlung leistet sich "Frailty" dann allerdings einige
zu offensichtliche Vorhersehbarkeiten. Der Ausgang der Geschehnisse in
den Rückblenden ist ebenso früh und leicht zu erraten wie der
vermeintlich so verblüffende Story-Twist am Ende der Rahmenhandlung. Um
diesen Schwenk zu toppen, setzen Paxton und Hanley noch einen drauf und
lassen schlussendlich die Story ein weiteres Mal um die Horizontale
kippen, so dass die gesamte Filmhandlung ein komplett neues Fundament
erhält und sich die Rückschau auf die Ereignisse in der Vergangenheit
auf einmal unter diametral anderen Vorzeichen darstellen. Was an dieser
Stelle auf den ersten Blick wie eine unnötige Aufblähung der Erzählung
wirken mag, ist jedoch narrativ der konsequente Schwenk ins
kompromisslos düstere Ende und die Erkenntnis, dass das Böse nicht nur
dem Guten überlegen, sondern scheinbar sogar die allein existierende
Instanz hinter lauter trügerischen Illusionen ist.
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